Tania, zum Gedenken

Nov 12 • Geheimdienste, Kuba • 926 Views • Keine Kommentare zu Tania, zum Gedenken

2012 markiert wie kein anderes Jahr das Leben und den Tod der deutschen Revolutionärin und Internationalistin Haydée Tamara Bunke Bíder, die als „Tania, la guerrillera“ in die Geschichte einging.

(Magazin Geheim/Ingo Niebel) Heute, am 19. November 2012, wäre die DDR-Bürgerin 75 Jahre alt geworden, aber sie erlebte noch nicht einmal ihren 30. Geburtstag. Vor 45 Jahren, am 31. August 1967, fiel sie mit der Waffe in der Hand, als ihre Guerilla-Gruppe in einen Hinterhalt der bolivianischen Armee geriet. Ihr Befehlshaber, Comandante Ernesto „Che“ Guevara de la Serna überlebte sie nur um sechs Wochen, bis auch ihn CIA-Agenten ermordeten.

Die Deutsche Demokratische Republik ehrte ihre Staatsangehörige, indem sie über 200 Schulen und andere Einrichtungen von Staat und Partei nach ihr benannte. Das Neue Deutschland machte aber damals schon deutlich, dass diejenigen, die dem Beispiel von Tamara Bunke folgen wollten, dies in den geordneten Bahnen von Staat und Partei, Wissenschaft und Nationaler Volksarmee tun sollten. Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 spülte die kulturpolitische Säuberungswelle jegliche Erinnerung an diese konsequente Marxistin-Leninistin fort. Ihr Name verschwand aus der Öffentlichkeit. Nur ihre Mutter Nadja verteidigte bis zum eigenen Tod 2003 das Andenken der Tochter notfalls auch mit Rückgriff auf das bundesrepublikanische Presserecht gegen jede Art von Verleumdung und Desinformation.

Am 75. Geburtstag von Tania hat die Geschichtslosigkeit der deutschen Linken einen neuen Tiefpunkt erreicht, da nur bürgerliche Medien wie die Potsdamer Neuen Nachrichten und der WDR5 dieses Datum nutzen, um ihr Bild der Partisanin unwidersprochen in die Welt zu setzen. Hierbei kolportieren sie einerseits die Gerüchte über die nicht belegbare Liebesbeziehung zwischen Tania und dem Che; andererseits unterstreichen sie die vorgebliche Perspektivlosigkeit des revolutionären Kampfes, indem sie eine einschlägige Passage aus Tamaras angeblich letzten, niemals beendeten Brief an ihre Eltern zitieren. Ihre Tätigkeit für den Aufbau des Sozialismus in der DDR betrachtet gerade der WDR durch die Brille bundesrepublikanischer „political correctness“. So verschwimmt die Konsequenz, die Tamaras persönliches und politisches Handeln ausmacht.

Von Buenos Aires über Stalinstadt nach Havanna

1937 erblickte sie als das zweite Kind der Eheleute Erich und Nadja Bunke in Buenos Aires das Licht der Welt. Zwei Jahre zuvor waren ihre Eltern mit dem älteren Bruder Olaf nach Argentinien geflüchtet, weil sie als Kommunisten in Nazi-Deutschland ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Ihr Land verliessen sie, aber ihre Ideologie gaben sie nicht auf. Deshalb entschieden sie sich Anfang der 50er Jahren nach Europa zurückzukehren, um in der 1949 gegründeten DDR beim Aufbau des Sozialismus zu helfen. Tamara erlebte, dass und wie eine andere Welt möglich war. Im damaligen Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt) engagierte sie sich in den Massenorganisationen und wurde als 18jährige in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) aufgenommen. Aber bereits in ihrem Aufnahmeantrag drückte sie ihren Wunsch aus, nach Argentinien zurückzukehren, weil sie ihre in der DDR gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse beim Aufbau der verbotenen KP einbringen wollte.

Aber die sozialistische Revolution in Lateinamerika fand auf Kuba statt. Tamara verfolgte die Ereignisse übers Radio, dem „Internet“ der damaligen Zeit, und im Austausch mit Lateinamerikanern, die in die Republik kamen. 1960 dolmetschte Tamara für den Che bei dessen Besuch in Leipzig. Ein Jahr später reiste sie zusammen mit dem kubanischen Nationalballett auf die Insel. Dort stellte sie ihr Wissen und Können ganz in den Dienst der kubanischen Revolution.

Aus Tamara wird „Tania“

1963 ist sie bereit, am revolutionären Kampf in Lateinamerika teilzunehmen. Der kubanische Revolutionär Ulises Estrada bildet sie aus. Tamara legt sich den Tarnnamen „Tania“ zu. Zuvor hatte die sowjetische Partisanin Soja Anatoljewna Kosmodemjanskaja diesen Decknamen geführt, die 1941 im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallen war. Tamara erarbeitet sich eine Legende, die sie als die Argentinierin „Laura Gutiérrez Bauer“ ausweist. 1964 geht sie nach Bolivien, wo sie sich Zugang zu den höchsten politischen Kreisen verschafft. Ihr Auftrag lautet, Informationen zu beschaffen, die für eine zukünftige Revolution in dem Andenstaat wichtig sein könnten. Auf dieses Ziel bereitet sich Che vor. Er hat mit dazu beigetragen, dass Tania für diese sensible Aufgabe ausgesucht wurde. Sie besorgt ihm die offiziellen Dokumente, die ihm ermöglichen nach Bolivien einzureisen. Im weiteren Verlauf hält Tania den Kontakt zwischen dem Che und den Kubanern in Lateinamerika aufrecht.

Von der unsichtbaren an die militärische Front

Der Wechsel von der unsichtbaren an die militärische Front erfolgte 1967, als sie zwei Journalisten, unter ihnen den Franzosen Régis Debray, ins Lager der bolivianischen Guerilla führen will. Die Umstände, unter denen das geschieht, lassen Tamaras Tarnung auffliegen. Für sie gibt es kein Zurück mehr nach La Paz. Entweder sie flüchtet ins Ausland oder sie bleibt bei der Guerilla. Tania entscheidet sich für Letzteres. Auch hier zeigt sie Konsequenz und Willensstärke. Trotz Krankheit, Hunger und der andauernden Flucht vor der Übermacht der bolivianischen Armee, der US-Militärberater und CIA-Agenten zur Seite stehen, desertiert sie nicht so wie andere. Schließlich ist es der Verrat eines Deserteurs, der der Armee den entscheidenden Hinweis auf die Guerilla-Gruppe gibt, der Tania angehört. Nach dem Hinterhalt dauert es sieben Tagen, bis die Militärs ihre Leiche finden. Als einzige Guerillera erhält sie angeblich ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren.

Tania, unvergessen

Während Nadja die Ehre der Tochter inmitten des antisozialistischen Bildersturms verteidigen musste, setzte die kubanische Revolution klare Zeichen. 1996 versprach der Comandante en jefe Fidel Castro Ruz Tamaras Mutter, dass seine Experten in Bolivien auch nach den Gebeinen von Tania suchen würden. Am 22. September 1998 wurden sie fündig, und am 13. Dezember kehrte Tamara nach Kuba zurück. Siebzehn Tage später konnte Nadia Bunke an der Seite von Verteidigungsminister Raúl Castro Ruz miterleben, wie ihre Tochter im Memorial zu Santa Clara neben dem „guerrillero heróico“ und den übrigen 37 Kämpfern der bolivianischen Guerilla ihre letzte Ruhe fand. Die Grabnische, wo der kleine Sarg mit ihren Gebeinen ruht, schließt eine Platte, die neben ihrem Namen auch ihr Konterfei trägt. In Cienfuegos brachte die städtische Geschichtskommission am 8. März 1999 eine Gedenkplakette an dem Haus an, in dem sich Tania 1964 für die klandestine Arbeit in Bolivien vorbereitet hatte.

2001 setzte Ulises Estrada zusammen mit der Schriftstellerin Marta Rojas und der Journalistin Mirta Rodríguez Calderón der Wahlkubanerin, die auch Mitglied der KP Kubas, war ein literarisches Denkmal in Form des Buches „Tania, la guerrillera inolvidable“ (span.: Tania, die unvergessene Guerrillera). Das Autorentrio zitiert Tanias bolivianischen Kamerad und Guerilla-Führer Inti Peredo mit der Feststellung:

„Sie starb heldenhaft für die Freiheit Lateinamerikas, aber sie wird immer als ein Beispiel für das leben, wozu eine mutige und wahrlich revolutionäre Frau fähig ist!“

Die GEHEIM-Redaktion

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