Fidels Doppelschlag

Dez 21 • Kuba, Venezuela • 1171 Views • Keine Kommentare zu Fidels Doppelschlag

Der kubanische Revolutionsführer entlarvt Medienlügen und bremst antibolivarianische Kampagne

(Magazin Geheim/Ingo Niebel) Auf seine alten Tagen entwickelt sich der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro Ruz, 86 Jahre jung, noch zum Medienexperten. Die Wirkung seines jüngsten Coups wird erst vor der neuerlichen Krebsoperation seines engsten Verbündeten, Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez, sichtbar. Die Ausgangslagen unterscheiden sich, aber die Medienkampagne, die US-amerikanische und europäische Kreise gegen die beiden Gründer der Bolivarianischen Alternative für die Völker unseres Armerikas (ALBA) fahren, ähnelt sich.

„Fidel Castro, ‚liegt gerade im Sterben’“ titelte Spaniens rechtskonservative Tageszeitung ABC am 18. Oktober 2012 auf ihrer Internetseite. Als Quelle für diese Behauptung nannte das Monarchistenblatt den venezolanischen Arzt Jose? Rafael Marquina. Der Mediziner führte weiter aus, dass der Comandante „eine schwere Embolie in der rechten Gehirn-Atterie erlitten hat.“ Obwohl der Patient weder künstlich beatmet werde noch an keine weiteren Maschinen angeschlossen sei, „ist seine Gesundheit kritisch“, so Marquina weiter.

Diese Nachrichten verbreitete die ABC-Korrespondentin in Caracas, Ludmila Vinogradoff, eine ausgewiesene Gegnerin der bolivarianischen und kubanischen Revolution. Sie verband Marquinas Äußerungen mit dem Umstand, dass Präsident Chávez „überraschend“ nach Kuba gereist sei. Das geschah 11 Tage nach seinem Wahlsieg, der ihm eine weitere Legislaturperiode bis 2019 an der Spitze des venezolanischen Staates ermöglicht. Sein Triumph von gut 10 Punkten Vorsprung vor seinem rechten Herausforderer und Putschunterstützer Henrique Capriles Radonski traf die venezolanische Opposition im In- und Ausland ins Mark. Sie hatte ihre Rückkehr an die Macht greifbar nahe gesehen, auch weil ABC die Niederlage des Bolivarianers mit herbei schrieb.

Vor diesem Hintergrund war die Nachricht von Fidels „Todeskampf“ die beste Möglichkeit für ABC, um von ihrer falschen Venezuela-Berichterstattung abzulenken. Dass sich Marquina dafür hergab, wundert auch nicht weiter, da der Mediziner bereits im Frühjahr diagnostizierte, dass Präsident Chávez nicht würde am Wahlkampf teilnehmen können und bald stürbe. Der Totgesagte kam, wenn auch nicht so oft, wie er es laut eigenen Angaben gewollt hätte, sah und siegte.

ABC war also vorgewarnt, mit wem es sich einlassen würde. Trotzdem nahm das Rechtsblatt das Risiko in Kauf, weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Denn eines war klar: Der venezolanische Weißkittel hat keinen der beiden Comandantes jemals behandelt. Stattdessen stellt er aus dem US-Sonnenstaat Florida, wo er lebt und arbeitet, Ferndiagnosen, die er dann per Twitter in die Welt zwitschert. (s. auch Agent des Quartals) Die spanische Zeitung wollte unbedingt eine Bruchlandung hinlegen. Und Fidel tat seinen Teil dazu bei.

Drei Tage nach dem ABC-Bericht meldete sich der Comandante über die Webseite cubadebate in Wort und Bild zurück. Da der angebliche Arzt auch getwittert hatte, er könne versichern, „dass wir Fidel nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen werden“, ließ es sich der Revolutionär nicht nehmen, sich mit Strohhut im Garten und in Begleitung des venezolanischen Ex-Vizepräsidenten Elías Jaua ablichten zu lassen. Über seinen Gesundheitszustand schreibt er: „Ich erinnere mich noch nicht einmal, was Kopfschmerzen sind.“ Kurz darauf veröffentlichte auch Jaua Fotos von seinem Treffen mit dem Kubaner. ABC meldete kleinlaut: „Fidel Castro erscheint wieder in der Öffentlichkeit in Havanna“. Dabei zog das Blatt vor, den Bericht einer Nachrichtenagentur abzudrucken. Zu diesem Winkelzug greifen Medien meistens dann, wenn sie ein Dementi bringen müssen. Sie glauben, so könnten sie sich und ihre Korrespondenten besser aussehen lassen, Fidels Doppelschlag hatte gesessen. Wie lang seine Wirkung anhalten würde, lässt sich erst jetzt ermessen, nachdem Chávez zu einer weiteren Krebsoperation nach Kuba aufbrechen musste.

Im fortdauernden Medienkrieg nutzte ABC diesen Umstand, um zum Gegenschlag auszuholen.„Erbrochenes Blut und Schmerzen im Unterleib beschleunigten den Plan, Chávez zu operieren“ lautete am 10. Dezember 2012 der einschlägige Bericht. Dieser kam nicht von Vinogradoff, sondern vom USA-Korrespondenten des Blatts, Emili J. Blasco. Der Journalist berief sich auf nicht näher genannte „Arztberichte“, die der ABC vorgelegen hätten. In der Vergangenheit hatten seine „Quellen“ ihn mit „Informationen“ über iranische Raketenabschussbasen in Venezuela versorgt.  Mit seiner medizinischen Fassade erweckt Blascos Artikel den Eindruck, als ob Chávez‘ Tage gezählt wären. Aber wessen Tage sind das nicht? Nur weiß in der Regel niemand, wann sein letztes Stündchen schlägt.
Dass Chávez‘ Krankheit ernst ist, aber nicht hoffnungslos, hat der Patient selbst gezeigt, als er vor seinem Abflug nach Kuba auf einer Pressekonferenz darüber berichtete. Dort informierte er über sein Leiden und zeigte Realitätssinn, indem er seinen Vizepräsidenten und Außenminister Nicolas Maduro als seinen potentiellen Nachfolger an der Spitze von Staat und Partei vorschlug. Westliche Medien stellten das so dar, als ob Chávez sein Ende bereits nahen sähe.

Fakt ist, dass das Staatsoberhaupt, wie im Übrigen jeder andere Patient auch, der sich einer Operation unterzieht, bestimmte Vorsorgungen treffen musste. In Anbetracht seiner Krankheitsgeschichte wäre es politisch gesehen unverantwortlich gewesen, wenn er mir nichts dir nichts nach Kuba abgereist wäre, ohne sich zu seiner Nachfolge zu äußern. Verfassungsrechtlich musste er diesen Punkt aus zwei Gründen ansprechen: Bis zum 10. Januar 2013 würde Maduro, ob er will oder nicht, den Posten des Regierungs- und Staatschefs antreten müssen, falls die Nationalversammlung Chávez für handlungsunfähig erklären sollte. In dem Fall käme es nach 30 Tagen zu Neuwahlen. Dieses Szenario könnte auch am 10. Januar eintreten, sollte das amtierende Staatsoberhaupt nicht in der Lage sein, den Amtseid für die neue Legislaturperiode abzulegen. Und danach bleibt allein deshalb akut, weil die venezolanische Verfassung trotz Chávez‘ neuerlicher Vereidigung nicht ihre Gültigkeit verlöre. Des besagte Passus ist keine „Lex Comandante“, sondern eine Regel, die ein Machtvakuum an der Spitze des Staates verhindern soll. Er wäre auch in der Vergangenheit in Kraft getreten, wenn es die Umstände verlangt hätten.

So wie die Opposition felsenfest von ihrem Sieg bei der Präsidentenwahl überzeugt war, so glaubt sie jetzt wieder daran, dass Chávez sein Amt nicht wird fortführen können und am besten sofort stürbe. Dieses morbide Wunschdenken zeugt von der großen moralischen wie politischen Schwäche, die die Opposition auszeichnet. Wie gross wird wohl ihre Enttäuschung sein, wenn Chávez seinen Amtseid doch wie geplant ablegt? Ob das geschehen wird, wissen wahrscheinlich nur der bolivarianische Comandante, seine Ärzte,  Fidel und Raúl Castro.

Ein wenig Lebenserfahrung hilft, eine Krebserkrankung zu verstehen. Es gibt Krebsleiden, die in kürzester Zeit zum Tod führen, und andere, die ebenso schnell geheilt sind. Zwischen diesen beiden, kleineren Extremen liegt das weite Feld jener Krebskrankheiten, die sich über einen längeren Zeitraum unter Kontrolle halten lassen. Das bedingt eine entsprechende Therapie einerseits und andererseits die Disziplin des Patienten, sich dieser zu unterwerfen. Ob das mit Chávez und den Aufgaben des Präsidentenamtes kompatibel ist, wird sich zeigen.

Unabhängig vom Krankheitsverlauf des Staatsoberhaupts steht die bolivarianische Bewegung jetzt vor der Herausforderung, den 1999 begonnenen Transformationsprozess von Land und Gesellschaft eigenständig fortzuführen. Bis dato hatte Chávez immer wieder sein Charisma in die Waagschale legen können. Dabei war aber spätestens seit dem Putschversuch 2002 sichtbar, dass der Tod sein ständiger Begleiter sein würde. Aber nicht die Kugel, abgefeuert von einem gedungenen Mörder, erwischte ihn, sondern der Krebs. Seine Feinde und Gegner werden alles versuchen, diesen Umstand zu ihren Gunsten – oder was sie dafür halten – auszuschlachten. Dabei greifen sie auf Mechanismen zurück, die sie bereits gegen Kuba vergeblich anwendeten, nachdem 2006 Comandante Fidel aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter ruhen lassen musste.

Auch damals versuchten US-amerikanische und europäische Medien erfolglos, das Leben eines Mannes mit dem Überleben der Kubanischen Revolution zu verknüpfen. GEHEIM nannte das „Castrologie“ (s. Heft 2007/1) und definierte diese als „die systematisch betriebene Deutung des Gesundheitszustandes von Fidel Castro unter Berücksichtigung nicht vorhandener medizinischer Daten in Kombination mit Mutmaßungen über den Zustand des politischen Systems der sozialistischen Republik Kuba zwecks Voraussagen über deren baldigen Zusammenbruch“.
Stattdessen nutzte die kubanische Revolution, um den notwendigen Wechsel an Spitze von Staat und Partei überlegt und sachte einzuleiten. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, sondern geht einher mit den Wirtschaftsreformen im Land. In Venezuela ist die Lage im Ansatz vergleichbar.  Nach über 13 Jahren mit Chávez als Präsidenten können die Bolivarianer am 16. Dezember bei den landesweiten Regionalwahlen zeigen, inwieweit sie ohne die physische Präsenz ihres Comandantes auf dem eingeschlagenen Weg zu ihrem Sozialismus voranschreiten können. Innenpolitisch dürfte ein gutes Wahlergebnis das Selbstbewusstsein stärken, auch die weiteren Schritte wie die kommunale Selbstverwaltung auszubauen. Die bolivarianische Revolution ist mittlerweile so stark verankert, dass sie nicht mehr nur von der Person Chávez abhängt. Auch außenpolitisch haben sich die Parameter in den vergangenen zehn Jahren maßgeblich verändert: Mit Evo Morales in Bolivien und Rafael Correa in Ecuador stehen zwei Präsidenten für die Kontinuität des ALBA-Prozesses in Südamerika. Im Endeffekt ist die bolivarianische Revolution im Innern und Äußern gefestigter als das die venezolanische Opposition und ihre Unterstützer in den USA und in der EU glauben möchten. Gefangen in ihrem politisch-medialen Wolkenkuckucksheim wird sie versuchen, mit einer entsprechenden Desinformationskampagne die innerbolivarianische Konsolidierung zu stören. Dank Fidel ist das um einiges schwieriger geworden.

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe von GEHEIM 27(2012)4: 15-16 neben weiteren Artikeln zu Lateinamerika und dann auf der Internetseite des Magazins)

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