Heute malen wir den Teufel Maduro auf den Monitor

Jan 29 • Lateinamerika, Venezuela • 59 Views • Keine Kommentare zu Heute malen wir den Teufel Maduro auf den Monitor

(berriak-news/Ingo Niebel) Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro als den ganz Bösen darzustellen, ist im Moment die Hauptprämisse im Medienkrieg gegen die bolivarianische Revolution. Je dunkler das Bild des Staatsoberhaupts erscheint, desto heller wirkt das Antlitz des selbsternannten „Interimspräsidenten“ Juan Guaidó. Heute stellen der deutsche Nachrichtensender n-tv die Leinwand und den Maler, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte (OHCHR) die Farbpalette, die von Todschwarz bis Blutrot reicht.

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro am Vorabend der Parlamentswahl 2015. (C) Ingo Niebel

Das Werk erscheint unter dem Titel „Maduro lässt foltern, morden und vergewaltigen“. Verantwortlich zeichnet Wolfram Weimer. Der Artikel hält, was die Überschrift verspricht: Blutrot dominiert.

Ziel des Opus ist, wie gesagt, Venezuelas Präsidenten für alle genannten Verbrechen verantwortlich zu machen. Jeder Verfechter des demokratischen Rechtsstaatsgedankens europäischer Prägung würde einwerfen wollen, dass einem Verdächtigen die Straftat zunächst nachgewiesen werden müsse, bevor man ihn derselbigen anklagen könne. Solche juristischen Spitzfindigkeiten mögen wesentlicher Bestandteil der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in deutschen Landen sein; wer sich ein Bild des bolivarianischen Venezuela malen möchte, darf sie getrost ignorieren.

Ebenso leger verfährt Weimer beim Griff in die Farbtöpfe. Auf Qualität in Sachen Farbhaftung scheint er nicht zu achten, Hauptsache die Couleur passt zum Bild, mit dem er nicht nur Maduro anprangert, sondern auch die Partei Die Linke, weil diese immer noch zu ihm hielte. Eine Runde Verbaldresche gegen den Venezolaner, damit es virtuell auch im Karl-Liebknecht-Haus kracht. Die „Roten“ müssen auf Linie gebracht werden. Wäre ja schlimm, wenn sie anfingen, unpassende Fragen zu stellen.

Damit letztere gar nicht erst aufpoppen, hat der Künstler des geschriebenen Wortes darauf geachtet, dass seine Quellen genau die Gütesiegel tragen, die niemand wagt zu hinterfragen. Und so verlinkt er auf die einschlägigen Reports von OAS und UNO, die als Quelle für die Anschuldigungen gegen Maduro dienen.

Diesen Weg muss er gehen, denn die Beschuldigungen stammen von Diplomaten, die der Autor nicht namentlich nennen will oder kann. „Es kursieren Diplomatendepeschen über massenhafte Festnahmen, sozialistische Schlägertrupps, systematische Folter und willkürliche Exekutionen“, lässt sich einem niedergeschriebenen Pinselstrich entnehmen. Da drängt sich die Frage auf, ob der Kollege die besagten Depeschen selbst gelesen hat oder er sie doch nur durch Hörensagen kennt.

Folge den Quellen

Damit sich niemand mit so einer Frage aufhält, gibt es die beiden untengenannten Links. Wer liest sich auch schon die Reports durch, wenn der Verfasser sich bemüht hat, sie zusammenzufassen, und auf die Originale hinweist? Und wer würde so tief graben und nach den Quellen schauen, die beiden Berichten zugrundeliegen?

Die ungenannten Diplomaten verweisen, laut n-tv, auf den OAS-Bericht über mutmassliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Venezuela (2018). Demnach habe es von 2013 bis 2017 genau 12 000 willkürliche Verhaftungen gegeben. Als Quelle für diese Zahl, die elf Mal erscheint, nennt die OAS das Foro Penal (Venezuela, IN). Sie erwähnt nicht, dass es sich um eine Nicht-Regierungsorganisation handelt, die sich für die politischen Gefangenen der Opposition stark macht.  In Anbetracht der Polarisierung in Venezuela wäre es nicht schlecht gewesen, darauf hinzuweisen. Aber eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus. n-tv erscheint es nicht erwähnenswert, dass die in Washington ansässige OAS eine Vorfeldorganisation der US-Außenpolitik ist. Sie hilft dem Department of State, die „Westliche Hemisphäre“, vulgär „Hinterhof der USA“, unter Kontrolle zu halten.

Das Interessante an dem UNO-Report ist, dass er gleichfalls von 12 320 willkürlich Festgenommen (2014-2018) spricht. Als Quelle nennt er „die Zivilgesellschaften“. Genauer geht es nicht, denn die venezolanische Regierung ließ den OHCHR nicht ins Land. Im O-Ton liest sich das so: „As the Venezuelan Government did not grant OHCHR access the country, the information was collected through remote monitoring.“ Daher konnte der Hochkommissar die Daten nicht direkt erheben. Das geschah aus der Ferne, durch die Befragung von Opfern, Zeugen, Journalisten und nicht näher genannten Vertretern der Zivilgesellschaft.

Schaut man sich stichprobenartig einige der Quellen an, die in den Fussnoten genannt werden, erhält man ein grobes Bild, wer als Informationsgeber gedient hat. In Fussnote 83 erscheint die regierungskritische und deshalb wenig gelittene NRO Observatorio Venezolano de Violencia, in Fussnote 93 der Blog Runrunes.es des antichavistischen Autors Nelson Bocaranda und in Nr. 94 die US-amerikanische Human Rights Wach, die 2002 während des Staatsstreiches gegen Präsident Hugo Chávez keine Menschenrechtsverletzungen durch die Putschisten anzeigte, obwohl – oder weil – deren Heckenschützen das Feuer auf „Chavistas“ eröffnet hatten.

Soviel zur Objektivität des Datenmaterials.

Miesepeter liessen an dieser Stelle wieder eine Medienschelte vom Stapel. Total unnötig. Wie auch der Hinweis auf jene gewalttätigen Oppositionellen, die vermeintliche und tatsächliche „Chavistas“ und Polizeiangehörige lebendig verbrannten beziehungsweise überfuhren. Passt ja nicht ins Maduro-Porträt, das nur Platz für Gewalt und Menschenrechtsverletzungen hat, die von Sicherheitskräften ausgehen.

Im Zeitalter des Postfaktischen sind differenzierte Sichtweisen ja so was von mega-out. Außerdem sind sie frustrierend: Wer an der Farbe eines Maduro-Bild kratzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie abblättert und unerwünschte Tatsachen freilegt. Letztere könnten zum Nachdenken anregen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »