Bolívars Schwert ist stumpf geworden

Jan 31 • Lateinamerika, Start, Venezuela • 80 Views • Keine Kommentare zu Bolívars Schwert ist stumpf geworden

(berriak-news/Ingo Niebel) Die Abhängigkeit der USA vom venezolanischen Öl war Hugo Chávez‘ wichtigste Waffe, um den mächtigen Gegner auf Abstand zu halten. Jetzt hat sie ihre Schärfe verloren. US-Präsident Donald Trump wendet sie nun gegen Venezuela.

Hugo Chávez‘ Kopie von Bolívars Degen liegt in der Montaña-Kaserne (Caracas). (c) Ingo Niebel, 2015

Ein Polit-Slogan in Lateinamerika lautet: „Alerta, alerta, que camina la espada de Bolívar por América Latina!“ Auf deutsch reimt sich das nicht ganz so schön: „Achtung, Achtung, Bolivars Schwert durchschreitet Lateinamerika.“ Die Worte verbildlichen die Idee des Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar, seinen Kontinent vom spanischen Joch zu befreien und vor dem der Vereinigten Staaten von Amerika zu bewahren.

Daher pflegte Venezuelas erster bolivarianischer Präsident Hugo Chávez, ausgewählte Staatsmänner mit einer Kopie von Bolívars Degen zu ehren. Seine wirklich effektive Waffe, um sich politischen Freiraum im In- und Ausland zu erkämpfen, war jedoch das venezolanische Öl.

Nach der Jahrtausendwende lag die Ölproduktion zwischen zwei und drei Millionen Barrel pro Tag. Hauptabnehmer waren weiterhin die USA. Ihre Abhängigkeit vom schwarzen Gold aus Venezuela war so groß, dass ein Lieferstopp nach zwei bis drei Wochen die US-Wirtschaft in ärgste Bedrängnis gebracht hätte.

Wenn also US-Präsident George W. Bush seinem Erzfeind Chávez verbal oder auch militärisch zu nah auf die Pelle rückte, drohte der Bolivarianer, ihm den Ölhahn zuzudrehen.

Die Zeiten sind vorbei. Spätestens seit 2018 zeigt sich, wie stumpf Bolívars Schwert in dieser Hinsicht geworden ist. Dazu beigetragen hat in erster Linie das Fracking. Diese umstrittene Förderungsmethode hat US-Präsident Donald Trump mit seiner „America first“-Politik weiter forciert. Ende 2017 erreichten die US-Ölreserven einen historischen Höchststand, meldete Reuters im vergangenen Dezember.

Geostrategisch betrachtet wurden die USA so von Ölimporten ein Stück weit unabhängiger. Mit Blick auf Venezuela sprechen die Charts der US-Energiebehörde eine deutliche Sprache: Von Ende 2003 bis Ende 2018 sanken die jährlichen US-Ölimporte von knapp unter 60 Millionen Barrel auf unter 20 Millionen Fass Öl.

Der Finanznachrichtendienst Bloomberg rechnet vor, dass der Tagesimport von etwa 1,4 Millionen Barrel 2000/2004 auf 506.000 Fass (2015-2019) sinken würde. Mit durchschnittlich 584.000 Barrel pro Tag belegt Venezuela Platz drei hinter Saudi Arabien und Canada im Ranking der in die USA erdölexportierenden Länder. Die Lieferungen aus dem Karibikland machen 8 Prozent aller US-Ölimporte aus.

Die venezolanische Tagesproduktion soll gemäß der genannten Quellen bei zirka 1,2 Millionen Barrel liegen. 2017 bezog Caracas aus dem Öl-Export 98 Prozent seiner Devisen. Die Summe belief sich auf 31 Milliarden US-Dollar, so die Organisation Erdölproduzierender Länder (OPEC). US-Abnehmer beschweren sich über die schlechter werdende Qualität. Das mag ein weiterer Grund für den kontinuierlichen Abwärtstrend des Ölimports aus Venezuela sein. Da die Informationen frei zugänglich sind, überrascht die Entwicklung nicht.

Das Öl als Waffe gegen Venezuela

Die veränderte Lage erlaubt der US-Regierung sogar, das Öl als Waffe gegen die venezolanischen Bolivarianer zu wenden. Das erklärt, warum Washington keine Hemmung mehr haben muss, mit seinen Sanktionen die venezolanische Ölindustrie direkt anzugreifen. Neuerdings können US-Firmen zwar weiter venezolanisches Öl einführen, wenn sie den fälligen Preis auf ein Sperrkonto einzahlen. Letzteres steht dem selbsternannten „Interimspräsident“ Juan Guaidó zur Verfügung, den Trump als Venezuelas Staatsoberhaupt anerkannt hat.

Die jüngsten Massnahmen treffen auch die Firma Citgo mit Sitz in Houston (Texas). Sie gehört zum Staatskonzern Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) und betreibt ein umfangreiches Tankstellennetz in den USA. Chávez ordnete einst an, die Gewinne von Citgo zunächst nach Venezuela zurückzuführen. Hiermit finanzierte er die umfangreichen Sozialprogramme. Gleichzeitig entzog er Milliarden an Petrodollars dem US-Finanzmarkt.

Trumps Sanktionen schließen PDVSA und die venezolanische Staatsbank vom Handel in den USA aus. Das führt zwangsweise zu einer Art internationaler Blockade, da ausländische Banken und Firmen mit der US-Justiz in Konflikt geraten, wenn sie mit jemandem Geschäfte betreiben, den die USA auf die Liste der „Specially Designated National“ gesetzt haben.

Hingegen scheinen die US-Sanktionen sich in einem für die heimische Ölindustrie vertretbaren Rahmen zu halten. Bereits 2017 stellten die US-Ölfirmen der West- und Ostküste den Import venezolanischen Öls ein. So verbleiben neben Citgo nur die Ölraffinerien Valero und Chevron an der US-Golfküste. Sie müssen sich jetzt neue Zulieferer suchen, die aber einen höheren Preis verlangen werden.

Eine weitere Folge der US-Sanktionen ist, dass PDVSA nicht mehr die täglichen 200.000 Barrel an Flüssigstoffen aus den USA importieren kann, mit denen die Firma ihr Schweröl verdünnt.  Außerdem rächt sich erneut, dass die bolivarianische Republik es bis dato versäumt hat, die Raffineriekapazitäten im eigenen Land auszubauen. Ebenso fehlt eine eigenständige Erdölchemie, die aus dem Rohöl für die Industrie jene Produkte herstellt, deren Preise deutlich über dem des Rohstoffes liegen. Zur Eigenheit von Rohöl gehört, dass eine Raffinerie nicht ohne größere technische Änderungen von einem Öltyp auf einen anderen umgestellt werden kann.

Für Venezuelas gewählten Präsidenten Nicolás Maduro heißt das, er muss sich nach neuen Abnehmern umschauen; es sei denn er möchte zukünftig seinen Kontrahenten Guaidó finanzieren.

An erster Stelle bieten sich Russland und China an. Beide Länder haben aber ihre Investitionen und Kredite bereits mit venezolanischem Öl abgesichert. Ein weiterer potentieller Käufer könnte Indien sein. Als zweite Achillesferse erweist sich, dass Venezuela über keine eigene Tankerflotte verfügt. Die wäre aber nötig, um die US-Sanktionen zu umschiffen und sein wichtigstes Handelsgut zu neuen Märkten zu bringen.

Fürs Erste verlangt PDVSA Bezahlung vor Lieferung. Des Weiteren bietet sich an, das venezolanische Öl, wie bisher auch, über Dreiecksgeschäfte und Zwischenhändler auf den Markt zu bringen. Das schlägt aber auf den Preis und zwingt zu teuren Kompromissen.

Trumps Devise lautet US-Unterstützung nur gegen Öl

Während Maduro auch ums politische Überleben kämpft, macht US-Sicherheitsberater John Bolton klar, dass es ihm schlicht und ergreifend ums Business geht. Im konservativen TV-Sender Fox sagt er:

„Sie wissen, Venezuela ist eines der drei Länder, die ich die Troika der Tyrannei nenne. Es wird für die Vereinigten Staaten ökonomisch einen großen Unterschied machen, wenn wir amerikanische Ölfirmen veranlassen könnten, tatsächlich in die Ölkapazitäten in Venezuela zu investieren und zu fördern.“ (O-Ton Bolton findet sich bei 00:49:20h im verlinkten Video.)

Damit liegt er auf der Linie seines Chefs. Trump erklärt in einem zweiminütigen Video sehr klar, wie er US-Unterstützung für Rebellen, politische Freiheit und Business miteinander verbindet. Die Message läßt sich so auf den Punkt bringen: Du willst für deine Freiheit meine Unterstützung, ich 50 Prozent deines Öls. Haben wir einen Deal?

Die aktuellen Nachrichten über seine Venezuela-Politik legen nahe, dass Trump seiner Devise treu geblieben ist und Guaidó eingeschlagen hat. Bleibt abzuwarten, wie die russischen und chinesischen Geschäftspartner von PDVSA reagieren werden.

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