Bild bastelt sich „Venezuelas Hoffnungsträger“

Jan 31 • Lateinamerika, Start, Venezuela • 187 Views • Keine Kommentare zu Bild bastelt sich „Venezuelas Hoffnungsträger“

(berriak-news/Ingo Niebel) Nachdem n-tv gezeigt hat, wie man sich einen Teufel Maduro auf den Monitor malt, folgt einen Tag später die Bastelstunde mit der Bild-Zeitung. Das Springer-Blatt bastelt sich aus den Worten „charismatisch“, „Präsident“, „Parlament“ und „Juan Guaidó“ eine Figur. Hier steht wie.

Bild-Artikel, 30.01.2019

Aller Anfang ist schwierig. Das weiß jeder. So auch die Bild-Reporter Paul Ronzheimer und Giorgos Moutafis. In Caracas wollen sie mit Juan Guaidó sprechen.

Seit drei Tagen sollte unser Treffen mit dem Mann stattfinden, der sich in der vergangenen Woche selbst zum Interimspräsidenten ernannt hat.

Aber immer wieder gibt es ‚Sicherheitslagen‘, muss Guaidó an einen anderen Ort gebracht werden, als ursprünglich geplant. Die Kommunikation ist schwierig, weil alles überwacht wird [Kursiv im Original, IN]'“, schreiben sie.

Die Darstellung erinnert mich an mein erstes Treffen mit der antichavistischenOpposition 2003 in Caracas. Zuerst hieß es, es ginge nicht. Man werde überwacht. Vor allem von den Kubanern. Dann auf einmal, nach mehreren Absagen, und von jetzt auf gleich, kam es zum Treffen. Konspirativ versteht sich. Niemand durfte davon erfahren. Treffpunkt: Konferenzsaal im oberen Stockwerk des Hotels, in dem die Internationalen Wahlbeobachter wie ich untergebracht waren. Und wo, laut Opposition, der kubanische Geheimdienst zwei Stockwerke belegte.

Really, Bild? Englisch ist (noch) nicht Venezuelas Amtssprache. Deshalb heißt das Parlament „Asamblea Nacional“, zu deutsch „Nationalversammlung“. (Screenshot aus dem genannten Artikel, 30.01.2019)

Venezuelas Oppositionelle gerieren sich gerne als Opfer. Dafür bedarf es des entsprechenden Ambiente. So auch bei Ronzheimer und Moutafis. Die beiden bekamen ihr Treffen. Dem Anschein nach auf dem Gelände des venezolanischen Parlaments, wie ein Foto vermuten lässt.

Der interessierte Leser fragt sich nun, ob Guaidó wegen einer „Sicherheitslage“ dorthin gebracht wurde oder weil ein Parlamentspräsident sein Büro just in dem Parlament hat, das er gerade präsidiert. Es ist doch schön zu lesen, dass Venezuelas Opposition trotz aller internen Zwistigkeiten zumindest an ihrem Verständnis von „Konspiration“ festhält.

Bild schreibt weiter:

„Guaidó kam erst vor drei Jahren ins Parlament, war bis vor wenigen Wochen völlig unbekannt. Aber als charismatischer Parlamentspräsident konnte er die Opposition vereinen und bekam internationale Unterstützung wie niemand vor ihm.“

Wie kann ein Unbekannter charismatisch sein? Um Charismatiker zu sein, bedingt es einer Führungsposition, Autorität und Befehlsgewalt. Und natürlich Charismagläubigen, die ihrem Führer folgen und dabei bereit sind, außerordentliche Leistungen zu vollbringen. Guaidó muss noch beweisen, dass er diese Grundbedingungen erfüllt. Sie stammen von dem deutschen Soziologen Max Weber.

Ebenso futuristisch, um nicht zu sagen falsch, ist die Behauptung, der Politiker habe als Parlamentspräsident die Opposition vereinen können.

Guaidó bekleidet das Amt des Parlamentspräsidenten erst seit Januar. Turnusgemäß. Als Mitglied der Partei Voluntad Popular übernahm er es von dem Mitoppositionellen Omar Barboza (Un Nuevo Tiempo). Zuvor amtierten Julio Borges (Primero Justicia) und Henry Ramos Allup (Acción Democrática) als Parlamentspräsidenten. Sie alle gehören dem Oppositionsbündnis Mesa de Unidad Democrática (MUD)an. 2015 gewann es die Parlamentswahlen erdrutschartig. Endlich bekam Guaidó ein Mandat, nachdem er zuvor bei der Kandidatenauswahl immer hinten anstehen musste. Als Parlamentarier blieb er unbekannt.

Irgendwelche Qualitäten als Einiger kann er auch nicht nachweisen: 2007 nahm er an den gewaltsamen Studentenprotesten mit anderen einschlägig bekannten Straßenkämpfern wie Yon Goicoechea teil. 2009 gründete er die Voluntad Popular mit. Die VP vertritt seit jeher den gewaltbereiten Teil der anti-bolivarianischen Opposition.

Aber diese Fakten lenken vom wesentlichen ab: Als bad guy in der venezolanischen Tragödie muss ja der amtierende Präsident Nicolás Maduro herhalten.

Das Reporter-Duo hält fest:

„Zu BILD sagt Guaidó: ‚Maduro besetzt das Land, weil es 2018 keine Wahl gegeben hat. Deshalb ist er ein Diktator.'“

Der US-Botshafter in Berlin, Richard Grenell, findet den Bild-Artikel „very interesting“. (Screenshot des Tweets von @RichardGrenell, 30.1.2019)

Guaidós erster Satz fiele in Deutschland unter die Rubrik „falsche Tatsachenbehauptung“:

Am 20. Mai 2018 fand in Venezuela eine Präsidentschaftswahl statt. Auf Drängen der Opposition wurde der Wahltermin von Dezember auf Mai vorgezogen. Gegen Maduro traten drei Vertreter der Opposition an. Guaidó gehörte nicht dazu. Seine VP und andere Teile der Opposition riefen zum Boykott der Wahl auf. Wieder einmal. Der Urnengang fand trotzdem statt. Vertreter der Opposition kontrollierten in den Wahlbezirken die Auszählung der Stimmen mit. Im großen und ganzen bestätigten sie das Endergebnis. Bei einer Wahlbeteiligung von 32 Prozentstimmten 68 Prozent für Maduro.(Donald Trump reichten 46% bei einer Beteiligung von 28%, um 2016 US-Präsident zu werden.) Im Nachhinein rief die Opposition „Wahlbetrug“. Auch nichts neues.

Da es eine Wahl gab, kann Maduro weder Besetzer noch Diktator sein.

Nachdem Bild Guaidó die Lage im Land drastisch darstellen läßt – „Wer in Venezuela ins Krankenhaus geht, dem droht der Tod“ – zitiert es ihn abschließend: „Wir brauchen weitere Sanktionen aus der EU! Es werden immer mehr Menschen ermordet. Außerdem ist es eindeutig, dass das Regime absolut korrupt ist.“

In den drei Sätzen offenbart sich der Grund, warum es der gespaltenen Opposition immer noch nicht gelungen ist, das Präsidentenamt demokratisch zu erkämpfen: Sie sieht das Land, wie es ihr gerade gefällt und verkennt die Realität. Sie hat immer noch nicht begriffen, dass sie nur gewinnen kann, wenn sie ansatzweise eine soziale Politik anbietet, die glaubwürdig mit der von Chávez und Maduro konkurrieren kann.

Hier liegt die Crux: Die Opposition wollte und will das nicht. Weder aus Prinzip noch aus Taktik. Sie muss das Leiden der Menschen steigern. Das soll den Volkszorn der Massen hochkochen und Maduro aus dem Amt jagen. Die Parole lautet: Her mit den Sanktionen!

Die jüngsten US-Zwangsmassnahmen verhindern, dass Caracas weiter mit seinen Petrodollars Lebensmittel und Medikamenten einkaufen kann. Ergo verschlimmert sich die Lage.

Wenn Guaidó von der EU weitere Sanktionen fordert, verstärkt er die Wirtschaftsblockade gegen seine eigene Bevölkerung. Damit die Maßnahmen wirken, müsste Brüssel sie bis nach einer Wahl aufrechterhalten. Bei der darf natürlich nicht Maduro gewinnen. Für die Venezolaner hiesse das – um im Bild-Szenario zu bleiben -, noch länger am Hungertuch nagen, das Krankenhaus meiden und trotzdem Guaidó wählen.

Eine echte Challenge für den selbsternannten „Interimspräsident“. Gewinnt er sie, könnte er charismatisch werden. Oder sein Name vervollständigt die Liste derer, die die USA als „Oppositionsführer“ verbrannt haben. Hoffnungsträger sehen anders aus.

[Nachtrag: In einer früheren Fassung dieses Artikels gab es Probleme mit fehlenden Satzzeichen. Dieser Fehler wurde behoben. IN]

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